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Doch die Amalfi-Küste bietet mehr, als sich dem eìligen Reisenden bei einer zweitägigen Rundfahrt oder dem Badegast bei langen Strandaufenthalten zeigt. Wer die verborgenen Reize, die ganze Schönheit
dieses Gebiets erfassen will, der muß zu Fuß gehen wie die Reisenden vergangener Jahrhunderte: auf Maultierpfaden und Treppenwegen abseits der überfüllten Küstenstraße, in den stillen Seitentälern und an den theatralischen
Felswänden, unter den Orangenbäumen und im frühsommerlichen Duft des Gìnsters. Erst hier enthüllt die Divina Costiera -das "göttliche Küstenland" - ihren ganzen Reiz. Die Amalfi-Küste ist eines der schönsten Wandergebiete
Italiens. Unter den Küsten des italienischen Festlands sind ihr in dieser Hinsicht wohl allenfalls die ligurischen Cinque Terre vergleichbar. Aber während sich in den Cinque Terre mittlerweile ein intensiver Wandertourismus
entwickelt hat, werden die Pfade der Amalfiküste nur wenig begangen. Obwohl die meisten Wege markierit sind, obwohl sie alle leicht erreichbar und ausnahmslos von spektakulärer Schönheit sind, verirren sich nur wenige Wanderer
hierher.
Das Wegenetz zieht sich durch das gesamte Küstengebiet. Es ist in gutem Zustand, denn an der Amalfiküste ist die Motorisierung noch nicht bis in die letzten Winkel vorgedrungen: Auch die Einheimischen gehen noch zu
Fuß auf jahrhundertealten Wegen, die kunstvoll in den Fels geschlagen oder auch nur als einfache Pfade durch Wälder und Gärten angelegt sind.
Der spektakulärste Weg der Küste ist wohl derjenige von Agerola nach Positano.
Fünfhundert Meter über dem Meer zieht er sich als schmaler Maultierpfad dahin, mit überwältigenden Ausblicken auf die Felskonturen von Capri, auf die mythischen Sireneninseln vor
Positano, auf die alten Fischerorte am Ufer. Drei Stunden lang begegnet einem kaum ein Mensch; allenfalls kommt dem Wanderer ein Eseltreiber oder ein Ziegenhirt mìt seinen Tieren entgegen. Ginster und Orchideen blühen am Wege;
gewaltige Felswände fallen zum Meer hin ab; hoch über der riesigen Wasserfläche fühlt man sich fast außerhalb der Welt - und zugleich intensiv mit ihr verbunden. In dem winzigen, erst seit wenigen Jahren mit dem Auto erreichbaren
Dörfchen Nocella kehrt man gleichsam in die Zivilisation zurück: Von hier aus folgt man einem breiteren, befestigten Fußweg und zum Schluß der kaum befahrenen Straße bis Montepertuso, von wo man in einer guten halben Stunde nach
Positano absteigt. Fast ebenso "wild" ist der Weg von Pogerola (oberhalb von Amalfi) nach Scala und Ravello: eine Wanderung durch Kastanienwälder voller Frühlingsblumen, dann auf einem "Panoramaweg" über kahle
Berghänge, schließlich in die Zitronengärten von Scala und in das jahrhundertealte Ravello, das sich rühmt, Richard Wagner zu "Klingsors Zaubergarten" inspiriert zu haben.
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