|
"Gehen wir einen Kaffee trinken", oder "Ich lade Dich auf einen Kaffee ein", ist hier eine häufig gehörte Floskel, eine Geste, wie eine herzlicher Händedruck zwischen
Fremden, Bekannten oder Freunden. Viel ist schon geschrieben worden über die neapolitanischen Cafés, womit man die Orte der Begegnung meint, mit Tischchen draußen oder drinnen, wo sich bekannte Schriftsteller, Poeten
und Künstler aufgehalten haben, um dort auf Tischdecken oder Servietten Poesie und berühmte Verse zu verfassen und Entwürfe oder Skizzen zu zeichnen.
Ich würde gerne über die Tasse Kaffee sprechen "a
tazzulella", wie es auf neapolitanisch heißt. Sie ist weiß und dick, und hier hinein kommt die berühmte dunkle, duftende Flüssigkeit, Tropfen für Tropfen aus der "macchina a pressione", der Espresso-Maschine, mit
drei oder fünf Hebeln, meisterhaft bedient durch den Barmann. In den besseren Bars hat sie die dickflüssige Konsistenz einer heißen Schokolade (cioccolata). Es ist ein Kompliment, jemandem, der dir den Kaffee serviert, zu
sagen, è "'na cioccolata". Aber Vorsicht beim Berühren des weißen Porzellans mit den Lippen: die Tasse muß so heiß sein, wie das Getränk, das sie enthält. Die drei C des Kaffees - cumme cazzo coce - (etwa:
verdammt heiß!) sind Teil dieses Rituals, das man im Stehen genießt, da sich die Leute eher selten zu einem Stück Torte hinsetzen (den Kuchen ißt man ohnehin am Sonntag), wo das Glas Wasser nicht fehlen darf, um sich den
Mund zu spülen - unbedingt bevor er sich dem brennend heißen Täßchen nähert. Und dann endlich kommt der Moment, in dem man in zwei oder drei Schlückchen diese duftende Ladung Energie kostet.
Der
Neapolitaner hat zwei oder drei Lieblingsbars, eine in der Nähe der Wohnung, eine im Bereich des Arbeitsplatzes und, wenn möglich, noch eine für die Freizeit. Der Barmann, der seine Asbest-Finger in das kochendheiße Wasser
taucht, in dem die Täßchen sterilisiert werden, ist der Freund, der dir "von Herzen" diesen belebenden Schluck zubereitet. Er weiß, dass du in seine Bar gekommen bist, weil "sein Kaffee" etwas ganz besonderes ist.
Dem Touristen einen Kaffee anzubieten ist eine Geste des Willkommens und der Hilfsbereitschaft. Wenn man eingeladen wird, ist man auf dem besten Weg, sich dazugehörig und weniger fremd zu fühlen. Einen
Kaffee anzubieten - vor oder während einer Arbeitsbesprechung oder wenn der Stammkunde im Laden einen größeren Einkauf tätigt - ist schon eine Verpflichtung und ein Teil des bürgerlichen Verhaltenskodex dieser Stadt. Zwischen den
Neapolitanern ist dies fast schon eine vorausgesetzte Geste der Höflichkeit, wohlschmeckend und nicht viel Zeit in Anspruch nehmend. Vielleicht hat sie ihre Wurzeln in der Gastfreundschaft der Araber, die sich in der
Tee-Zeremonie offenbart, nur dass hier ganz einfach die orientalische Langsamkeit durch europäische Schnelligkeit ersetzt wurde.
Das ist der "klassische" Kaffee, so wie die "Margherita" die klassische Version der Pizza ist. Ebenso vielfältig wie die Zubereitung der Pizza sind auch hier die Varianten. Das Getränk kann in den
verschiedensten Abwandlungen serviert werden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit nenne ich die folgenden: "In tazza fredda" (Kaffee von normaler Stärke, die Tasse muss kalt sein) "lungo" (die Tasse, heiß oder kalt , bis zum Rand gefüllt,)
"ristretto" (noch konzentrierter, normalerweise in heißer Tasse) "macchiato con latte caldo" (normale Stärke mit einigen Tropfen heißer Milch) "macchiato con latte freddo" (wie oben, aber mit kalter Milch)
"corretto" (normal, versetzt mit einem Tropfen Rum oder Anisschnaps) "schiumato" (normal, mit einem Löffelchen aufgeschäumter Milch) "schiumato al caffè" (normal, mit einem Schuss gezuckertem, aufgeschäumtem Kaffee)
In jüngster Zeit, d.h. seit etwa vier oder fünf Jahren, hat sich der Kaffee vor allem aufgrund der Wünsche der jüngeren Kundschaft weiterentwickelt (wenn man das so sagen kann), hin zu noch ausgefeilteren Alternativen...
probieren wir mal: "alla nocciola" (normal, zusätzlich ein halber Teelöffel Haselnusscreme) "al cioccolato" (normal, zusätzlich ein halber Teelöffel Schokoladencreme) "al cioccolato con tartufo” (normal, zusätzlich ein Tropfen Schoko-Trüffelessenz)
Der Zucker! Die Kundschaft bestimmt die Dosis selbst, anhand der beigefügten Zuckertütchen, die fast überall die alte Zuckerdose mit den zwei langen Löffeln ersetzt haben, die immer auf der Theke bereit stand. In den
alten Bars, vor allem in den Bereichen der Einheimischen, zuckert der Barmann den Kaffee schon von sich aus während der Zubereitung, es sei denn, der Kunde bestellt ihn "amaro" (bitter).
Varianten in Gläsern, schon gezuckert (schmale, halbhohe Gläser): "shakerato" (aufgeschäumter Kaffee, da durchgeschüttelt im Shaker) "brasiliano" (Kaffee in normaler Stärke mit zwei Finger breiter Schicht Milchschaum und Kakao-Pulver)
"brasiliano con variazioni al liquore” (gleiche Zubereitung, mit einem Schuss Bailey's oder Kaula)
Sicher wird es noch andere neue Versionen geben, aber die Tradition des "Kaffees an der
Bar" bleibt die gleiche; ein Moment des Genusses, ein "Carpe diem", im Stehen serviert, ein Lächeln, eine Sympathie des Augenblicks, für die man keinen Tisch braucht, so wie man sich nicht hinzusetzen braucht, um
ein Bonbon zu lutschen. Und dann wieder hinaus an die Arbeit, in den Verkehr ohne Parkplätze, unter die Leute. Ich glaube, im Grunde genommen ist es für uns die natürlichste Sache der Welt, uns auf der Straße zu unterhalten und zu
diskutieren. Die Sonne und die menschliche Nähe sind draußen, und vielleicht ist es für uns auch einfach zu schwierig, unsere raumgreifende Gebärdensprache auf den Quadratmeter eines Tischchens zu beschränken.
Noch zwei Worte
über den "Cappuccino", von dem es weniger Varianten gibt. In der Regel wird er in einer großen Tasse serviert, mit viel mehr Milch und - nach Belieben - mit Kakao bestreut. Für den Neapolitaner ist der
"Cappuccino" ein Nahrungsmittel, dessen Genuß streng begrenzt ist auf das Frühstück: Cappuccino und Cornetto (Hörnchen). Und nur selten passiert es, dass wir nach zehn Uhr oder halb elf am Morgen noch
Milch zu uns nehmen.
Der ausgeprägte Geschmack des Kaffees und die Freude am mediterranen Dasein begleiten uns für den Rest des Tages ....Pigliammoce 'nu cafè! - Nehmen wir einen Kaffee!
|