|
„Die Sprache ist ein System von Zeichen für Begriffe u. Gegenstände und ein System von Regeln für die Kombination dieser Zeichen. (...) Im Hinblick auf den Menschen als Sender und Empfänger von
sprachlichen Äußerungen dient die Sprache der Mitteilung (Kommunikation). Eine Mitteilung ist aber nur möglich über die Repräsentation, d.h. daß die sprachlichen Äußerungen für den Sender und Empfänger das gleiche repräsentieren.
“ (Großes modernes Lexikon, Bertelsmann)
Im Sinne dieser Definition ist das Gestikulieren mit seinen semantischen Konventionen und seinem komplexen Symbolapparat sicher eine Sprache. Während aber bei der verbalen
Sprache die Verständigung durch das Sprechen (Kommunikation Mund-Ohr) erfolgt, wird die Sprache der Gesten durch eine vielfältige Reihe von Ausdrucksformen des Körpers repräsentiert (Kommunikation Auge-Hand).
In
einer aktuellen Studie des Istituto di psicologia del Centro Nazionale di Ricerca wird die These vertreten, daß alle Menschen bis zu einem Alter von einem Jahr sowohl mit Worten als auch mit Gesten kommunizieren können. In
den folgenden Lebensmonaten gerät diese Gabe jedoch durch den Einfluß der Umgebung in Vergessenheit. In nordeuropäischen Völkern verlieren Kinder diese Fähigkeit deswegen fast sofort, während in den mediterranen Völkern
beide Kommunikationsformen (Auge-Hand oder Mund-Ohr) bestehen bleiben; sie werden gleichzeitig oder abwechselnd gebraucht. Das bedeutet nicht, daß die einmal verlorene Fähigkeit des Gestikulierens nicht wieder erlernt werden könnte:
die oben angeführte Studie besagt auch, daß diese Fähigkeit mit der täglichen Praxis wieder aktiviert werden kann.
Wir können das große Vokabular der Gesten in zwei Hauptkategorien unterteilen: die mimischen Gesten und die
symbolischen Gesten. Die mimischen Gesten sind illustrativ und werden während eines Gesprächs zur Begleitung eines Wortes oder Satzes benutzt. Ein Beispiel ist das Zeigen des Handgelenks ohne Uhr, um die Zeit zu erfragen.
Die symbolischen Gesten sind sinnbildlich zu verstehen. Sie ersetzen das Wort oder verändern sogar dessen Bedeutung. Ein Beispiel ist die Geste „der/die Gehörnte“, wenn man von der Untreue eines Ehemannes oder einer Ehefrau
spricht.
Mit den mimischen Gesten kann man sich also in der ganzen Welt verständigen; ihre Bedeutuung ist klar und unmißverständlich. Symbolische Gesten werden jedoch nur vor dem Hintergrund des jeweiligen Kulturkreises
verstanden und müssen erlernt werden. In Tunesien und vielen anderen arabischen bedeutet das Zusammenführen von Daumen und Fingern: „Etwas Geduld bitte!“ Im neapolitanischen Raum bedeutet diese Geste genau das Gegenteil: „Mach
schnell, komm' auf den Punkt!“
Es ist also besser symbolische Gesten nur im bekannten Kulturkreis zu benutzen, um unangenehme Mißverständnisse zu vermeiden.
|