Rituale zur Voraussage der Lottozahlen

Eines der lustigsten Stücke des neapolitanischen Theaters ist die Kommödie “Ich bezahle Dich nicht” (Non ti pago) von Eduardo De Filippo. Das Stück macht die Beziehung der Neapolitaner zum Lotto besser verständlich als jede Erklärung.

Hier eine kurze Handlungsbeschreibung:.

Ferdinando Quagliuolo ist nicht nur der Besitzer einer Lottostelle, sondern auch ein leidenschaftlicher Lottospieler. Jeden Samstag führt er ein Dutzend verschiedener Gewinn-Rituale aus, aber er verliert immer. Sein junger Angestellter Mario Bertolini ist in Fernandos Tochter verliebt und gewinnt fast jeden Samstag, ohne jemals eines der neapolitanischen Gewinn-Rituale durchzuführen.
Natürlich weckt Marios Glück die Eifersucht und den Neid Ferdinandos, der sich aus diesem Grund zwischen die Liebe des Angestellten und seiner Tochter stellt.
Eines Tages gewinnt Mario, der im alten Geburtshaus seines Chefs wohnt, eine große Geldsumme. Im Freudenrausch erzählt er allen Leuten auf der Straße, daß die Lottozahlen ihm von Fernandos verstorbenen Vater im Traum vorausgesagt wurden. Fernando ist voller Wut und weigert sich Mario die gewonnene Summe auszuzahlen. Er wendet sich sogar an einen Anwalt und anschließend an einen Priester, um seine Handlung zu rechtfertigen:
Ferdinando ist überzeugt, daß sein verstorbener Vater in sein ehemaliges altes Wohnhaus gekommen ist und geglaubt hat, seinen Sohn Ferdinando schlafend im Bett vorzufinden. Weil es aber dunkel war und der Vater schon “älter” ist, hat er Mario mit seinem Sohn Ferdinando verwechselt. Also habe Ferdinando das Recht auf den Lottogewinn, denn die Zahlen wurden Mario im Traum von seinem Vater nur durch eine Verwechslung vorausgesagt!
Am Ende der Kommödie heiraten die beiden jungen Leute und Ferdinando ist glücklich, daß “sein” Geld wenigstens in der Familie bleibt.



In der vom Aberglauben geprägten Stadt am Vesuv glaubt man auch heute noch, daß die Toten die Zukunft voraussagen können und diese ihren Angehörigen in Träumen und durch geheimnisvolle Zeichen mitteilen. Manche Verstorbene eigenen sich dabei besonders gut als Medium. Zu ihnen gehören die Personen, die einen gewaltvollen Tod erlitten haben und die Seelen des Fegefeuers (Pugatorio). Diese Seelen befinden sich in einer Welt zwischen dem Dieseits und dem Jenseits und können somit nach dem Volksglauben leichter mit den Lebenden kommunizieren. Assistiti sind Personen, die mit den Geistern Verstorbener sprechen können und die Lottozahlen sogar Jahrhunderte im voraus kennen. Bis vor nicht allzulanger Zeit glaubte man, daß es genau 72 neapolitanische Assistiti geben würde.

Natürlich wird auch der beliebte Stadtpatron San Gennaro (der Heilige Januarius) oft um die Gewinnzahlen angefleht. In Neapel ist außerdem das Munaciello für die Voraussage der Lottozahlen zuständig. Die häufigsten Prognosen werden jedoch durch die Interpretation der Träume erstellt. Dazu orientieren sich die Neapolitaner an der Smorfia, dem Standardwerk der “numerologischen Traumdeutung”.

Schon in der Vergangenheit bediente man sich zur Voraussage der Glückszahlen gerne „übernatürlicher Mächte“. Hierzu gab es verschiedene Riten, wie z.B. das Anrufen des Heiligen San Panteleone, dem Schutzpatron des Lottos. Nach diesem Ritus muß man auf ein Stück Papier die Formel „Im Namen der Heiligen Dreieinigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – gesegneter Traum für diese Zahlen .... - Engel des Himmels, ich bitte euch um Hilfe“ schreiben und es nachts unter das Kopfkissen legen. So würde man eine Traumvision bekommen, aus der sich die richtigen Zahlen ergeben. San Panteolone war ein Arzt, der 305 enthauptet wurde. Er pflegte die Kunst der Astrologie und den Kontakt zu den Toten.

Ein anderer Brauch ist das Gebet zu Gott oder der Madonna an einem Montag. Anschließend betet man fünf Ave Maria und fünf Vater-Unser. Danach spricht man eine Formel, die zu einem Traum verhilft, aus dessen Handlung sich die Gewinnzahlen ergeben sollen. Es ist meistens die Mutter Gottes, die um die richtigen Zahlen gebeten wird, wie z.B. die Madonna von Pietrigrotta oder die Madonna del Carmine (bekannt als die „schwarze Mamma“).

La Pacchiana ist hingegen eher eine mythische als reale Figur. Sie soll eine Bäuerin aus Pozzuoli gewesen sein, die sich nachts in der Grotte der Sibilla Cumana inspirieren ließ. Beim Verlassen der Grotte hielt sie einen Spiegel in das Mondlicht, auf dem anschließend die Lottozahlen aus Buchstaben in Blut erschienen sein sollen........

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