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Eine der charakteristischsten Eigenschaften aller mediterraner Völker ist wohl das „Sprechen“ mit den Händen. Doch erst im Schatten des Vesuvs, wo das Gestikulieren die erstaunlichsten und
bizarrsten Formen annimmt, wurde diese Form der Kommunikation zu einer blühenden Kunst verfeinert.
Falls Sie bei einem Spaziergang durch Neapel einem Einheimischen beim Telefonieren mit seinem unabkömmlichen Handy begegnen,
möchte ich Sie für einige Minuten einladen, dem hektischen Tanzrhythmus seiner freien Hand zu beobachten: Geschlossene Finger öffnen sich plötzlich, die Handfläche scheint mit kreisenden Bewegungen unsichtbaren geometrischen
Spuren in der Luft zu folgen und jeder Satz wird von rhythmischen Bewegungen untermalt – alles mit dem Ziel, die sprachlichen Ausführungen dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung verständlicher zu machen! Dabei
garantiere ich Ihnen, dass andere Neapolitaner auch aus beträchtlicher Entfernung dem Thema des Gespräches genau folgen können.
In Zeiten des Datenschutzes ist das bevorzugte Kommunikationsmittel der Neapolitaner bestimmt
nicht mehr das sicherste. Trotzdem benutzen wir die Hände regelmäßig und in jeder Situation – auch wenn die offensichtliche Barriere eines Telefons ihren Gebrauch überflüssig macht.
Versuchen Sie einen Neapolitaner oder
eine Neapolitanerin dazu anzuhalten, irgendeine Unterhaltung ohne Hände zu führen. Falls es Ihnen gelingen sollte einen Freiwilligen für dieses amüsante Experiment zu finden, rate ich Ihnen dessen Hände auf seinem Rücken
festzubinden ... zur Sicherheit. Nun werden Sie beobachten können, dass die Ausdrucksfähigkeit der bedauernswerten Versuchsperson stark eingeschränkt ist. Es scheint, als würde ein fundamentaler Teil ihres Sprachzentrums plötzlich
fehlen. Ich habe es selbst an mir ausprobiert und muß gestehen ....mamma mia!
Gibt es Schulen für das Erlernen der zahlreichen Gesten? Diese Frage stellt sich, wenn man die unbegrenzte Ausdrucksfähigkeit der Hände kennen
lernt. Vor allen Dingen als Kind konnte ich in den engen Gassen Neapels oft Zeuge von lautlosen Nachbarschaftsgesprächen werden. In wenigen Sekunden gaben Frauen Einkaufslisten weiter und tauschten Indiskretionen über den Mann von
nebenan aus. Manchmal riefen auch wütende Mütter eine unbestimmbare Anzahl von Kindern mit einfachen, aber gewandten Gesten vom Balkon zur Ordnung. Manchmal derselebe Gesichtsausdruck zweier Fahrgäste eines Busses...
Die
tägliche Praxis ist also unsere Lehrerin: Tag für Tag, in der Familie, auf der Strasse – jede Unterhaltung wird von den beispiellosen Aktionen der Hände begleitet. So wird die Sprache der Hände allmählich verfeinert und das
Vokabular angereichert.
Die Sprache der Hände hat wie jede entwickelte Kommunikationsform ihre Dialekte. Es ist nicht schwierig in verschiedenen Regionen des antiken Königreichs Neapel zwei Personen zu finden, die mit
derselben Geste völlig gegensätzliche Dinge zum Ausdruck bringen. Vergleicht man beispielsweise das Handvokabular eines Neapolitaners mit dem eines Kalabresen oder Sizilianers stellt man erstaunliche Unterschiede fest.
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